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„Der lange Bursche da neben Galadriel“ |
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Ein kurzer Artikel über Celeborn von Marnie (Übs. S. Dorer) Celeborn. Was ist dran an ihm, das die Leute abschreckt? Warum schreiben die Leute Fanfiction, in der sie Galadriel mit Gandalf verkuppeln, als ob er nichts Besseres zu tun hätte, oder selbst mit Lúthien, weil sie besseres verdient, als den Verlierer, mit dem sie zusammen ist? Ich weiß es nicht. Vor ungefähr drei Monaten, nachdem ich ein Leben lang Tolkiens Werke gelesen hatte, wurde ich zu einer Tolkien-Fanfiction-Schreiberin. Nicht aufgrund der Filme – Die Gefährten waren vor über einem Jahr herausgekommen und ich hatte keine Notwenigkeit gesehen, etwas hinzuzufügen. Es war vor allem, weil ich Fanfiction entdeckte, sie zu lesen begann und mich dann fragte: ‚Aber wo ist das Zeug über Celeborn?’ Ich stand vor einem Rätsel – Abertausende von Geschichten über Legolas, hunderttausende über Haldir, um Gottes Willen – über einen Grenzwächter mit winziger Rolle! – tausende von Geschichten über die obskursten Söhne Feanors. Nichts über Celeborn. Schlimmer noch, in Chat-Rooms oder in Vorworten zu Geschichten und auf einer großen Anzahl von Websites, die Galadriel gewidmet sind, nannten die Leute diesen Charakter eine ‚Platzverschwendung’, beschrieben ihn (wenn überhaupt) als einen duckmäuserischen Pantoffelhelden oder, im besten Fall, als eine Art Idioten mit einer Zombie-gleichen Gelassenheit, was direkt vom Film zu kommen schien. Und ehrlich, je weniger über seine Erscheinung in der Kinofassung des Films gesagt wird, desto besser! Es ist kaum überraschend, dass der Film nicht zu allzuviel Celeborn-Fiction angeregt hat, doch was mich verwirrt, ist, warum die Buchleser ihn so kurz abfertigen. Er ist – für mich – immer einer der interessantesten des großen Aufgebots an unterstützenden Rollen im Herrn der Ringe gewesen und ich freute mich wirklich darauf, mehr Fanfiction zu lesen, die den Hintergrund eines, wie mir scheint, sehr ungewöhnlichen Elben ausarbeiten würde. Nach dieser Enttäuschung entschied ich natürlich, ich würde sie selbst schreiben. Doch jetzt kann ich niemanden finden, der sie lesen würde, wegen dieser vorherrschenden Annahme, dass er einfach kein lohnender Charakter sei. Daher, um meiner Freunde willen, die noch immer sagen ‚Celeborn? Wer?’ oder bestenfalls ‚War das der Kerl, der mit Galadriel die Treppe hinunterging?’ sehe ich mich gezwungen, vorzuspringen und den Burschen zu verteidigen. Der erste Vorwurf ist ‚Nun, er ist offensichtlich eine Art Trophäe – ein reizender Begleiter für Galadriel, der gut dabei aussehen wird, sie die Treppe hinabzuführen, doch für viel mehr ist er nicht zu gebrauchen’. Dieser Vorwurf beinhaltet zumindest ein nettes Maß an körperlicher Schönheit – und das ist ok, da Celeborn tatsächlich schön ist – Tolkien sagt dies ausdrücklich, als er den Herrn und die Herrin vorstellt: „Auf zwei Sesseln am Stamm des Baumes, überdacht von einem lebenden Zweig, saßen Celeborn und Galadriel Seite an Seite (…). Sehr groß waren sie, und die Herrin nicht weniger groß als der Herr; und sie waren ernst und schön.“ Zugegeben, Schönheit ist nicht alles, aber es ist etwas. Sie ist sicherlich – soweit ich das übersehen kann – der einzige Umstand, der den ‚Neben-Elb’ Haldir zu einem der bekanntesten neuen Charaktere in der Fanfiction gemacht hat. Irgendwie bezweifele ich, dass es ebenso viele Legolas/Mary Sue-Fictions dort draußen geben würde, wenn Legolas nicht ganz so hübsch wäre. Traurigerweise ist dieser Charakter hier durch den Film ausgebremst worden, während Elrond und Celeborn meiner Meinung nach im Bereich Aussehen ernsthaft vernachlässigt werden. Nichts gegen Hugo Weaving oder Marton Czokas, doch keiner von beiden kann wirklich ‚schön’ genannt werden, und was war das mit dieser entsetzlichen, eisengrauen Perücke, die sie dem armen Kerl aufgesetzt hatten? Dann lassen sie ihn seinen Text sprechen, als sei er jemand, der gerade von den Toten auferstanden ist… ich bin in keiner Weise überrascht, dass der Film nichts für die Reputation des Charakters getan hat. (Die Extended Edition war – wie in allem – um einiges besser und ich zolle dem Schauspieler meine volle Anerkennung dafür, wie er in den zusätzlichen drei Zeilen Celeborns Intensität und praktische Veranlagung verständlich werden lässt. Doch ich denke, da war es bereits zu spät.) Zurück zu dem Punkt, an dem die Fans vielleicht nachsichtiger mit ihm gewesen wären, wenn er – wie es hätte sein sollen – von einem Schauspieler porträtiert worden wäre, der besser aussieht als Legolas. Aber ich will nicht länger auf körperlicher Schönheit herumreiten, es stehen wichtigere Fragen an. Lasst uns noch mal das Zitat betrachten und sehen, was es uns noch erzählt: „Sehr groß waren sie, und die Herrin nicht weniger groß als der Herr; und sie waren ernst und schön. Sie waren ganz in Weiß gekleidet; Frau Galadriels Haar war tiefgolden, und das Haar des Herrn Celeborn war silbern, lang und leuchtend; aber kein Zeichen des Alters war an ihnen, es sei denn in den Tiefen ihrer Augen; denn ihre Augen waren scharf wie Lanzen im Sternenlicht, und doch tiefgründig, die Bronnen alter Erinnerungen.“ Ich fange jetzt keine Diskussion darüber an, wie Tolkien häufig Größe mit Macht gleichsetzt – ob es die böse Kraft des Hexenkönigs ist oder die rechtmäßige Autorität Aragorns. Ich bin ziemlich sicher, dass es den meisten Gelegenheitslesern des Herrn der Ringe offensichtlich ist. Aber ich habe einige Worte zu diesem sagenhaften silbernen Haar zu sagen. Wie alles andere in Tolkiens Welt ist es nicht nur da, um gut auszusehen. Das goldene Haar Galadriels und das silberne Haar Celeborns sind beides Zeichen von einiger Wichtigkeit. Um Galadriels Haar zuerst zu betrachten – sie erhält die ungewöhnliche Farbe (ja – goldenes Haar ist ungewöhnlich bei den Elben, die meist dunkelhaarig sind) aufgrund ihres Vanyar-Bluts. Ihre Großmutter war eine Vanya. Nun sind die Vanyar diejenigen Elben, die den Valar, den Göttern, am nächsten sind. Daher ist Galadriels Vanyar-Haar ein Zeichen von Heiligkeit. Man könnte fast sagen, es ist ein Merkmal spiritueller Autorität. Und das passt sehr gut zum Rest ihres Charakters, der im Reich des Spirituellen äußerst aktiv ist. Celeborns Silberhaar im Gegenzug dazu kennzeichnet ihn als einen Angehörigen der königlichen Familie der Elben Mittelerdes. Es ist eine genetische Eigenschaft der Sippe von Elu Thingol, welcher der erste und größte König der Sindar Mittelerdes (und anerkannter Oberherr der Nandor und Wald-Elben) war. Als angeborenes Adelsmerkmal ist Celeborns Haar ein Zeichen rechtmäßiger Herrschaft; ein Merkmal weltlicher Autorität. Und auch dies, würde ich sagen, passt gut zu seinem Charakter, der im Reich des Materiellen und Praktischen äußerst aktiv ist. Wenn ihr zu dem Zitat oben zurückgeht, werdet ihr ebenso bemerken, dass Tolkien gewissenhaft vermeidet, einen Partner über den anderen zu stellen. Würdet ihr nicht sagen, dass dies die Beschreibung zweier Leute ist, die so gleichwertig sind wie man nur sein kann? Ist Lothlórien nicht letztendlich ein Utopia, ein Ort, wo man erwarten könnte, dass die spirituellen und weltlichen Autoritäten in einer buchstäblichen Ehe zusammenwirken? Ich würde ebenfalls behaupten – da sind wir uns einig, nicht wahr? – dass Galadriel eine der Weisen der Elben ist. Wie weise wäre es von ihr gewesen, einen ihr unwürdigen Mann zu heiraten? Warum sollte sie ihn ‚den Weisen’ und ‚den Überbringer von Geschenken jenseits der Macht von Königen’ nennen, wenn er es nicht wäre? Würde das sie nicht entweder zu einer Lügnerin oder zu einer törichten, blind liebenden Ehefrau machen, die nicht hinter die Schönheit ihres Mannes blicken kann? ‚Nun ja’, mögt ihr sagen, ‚ich kann erkennen, dass er als ihr ebenbürtig gemeint sein könnte. Das ist die Theorie. Doch in dem Moment, wo er den Mund aufmacht, ist dieser Effekt ruiniert. Er nennt Gandalf einen Idioten dafür, dass er als erstes nach Moria gegangen ist. Dann droht er Gimli hinauszuwerfen, zusammen mit dem Rest der Gemeinschaft, als ob alles Gimlis Fehler gewesen wäre! Elben sollten so eigentlich nicht sein! Ich dachte, Elben sollten nett sein!’ Und das, denke ich, ist das ganze Problem. Celeborn ist nicht im gleichen Sinne ‚nett’ wie Elrond, Gildor und Galadriel es sind. Lasst uns das ein wenig näher betrachten. Als er hört, dass Gandalf gestorben ist, sagt Celeborn: ‚Und wenn es möglich wäre, dann würde man sagen, dass Gandalf zuletzt aus Weisheit in Narrheit verfiel, da er unnötig in das Netz von Moria ging.’ An diesem Punkt fangen wir an, uns über ihn zu ärgern, so dass, wenn Galadriel darauf hinweist, dass Gandalf vielleicht seine Gründe gehabt hatte, unsere Sympathien reichlich heftig von ihm fort und zu ihr hin schwingen. Aber warum? Letztendlich wollte Gandalf selbst nicht nach Moria gehen, er wurde dazu getrieben, weil er keinen anderen Weg finden konnte. Aragorn bittet ihn wiederholt, es nicht zu tun, weil Aragorn Gefahr für Gandalf vorhersieht, doch sie gehen dennoch und am Ende, als Gandalf fällt, sagt Aragorn (respektvoll) ‚Ich habe es dir gesagt.’. Celeborns Kritik ist nur fair. Sie mag nicht taktvoll sein, aber sie ist treffend. Und Gimli! Als Celeborn erfährt, dass ein Balrog, der für das letzte Alter der Welt harmlos geschlafen hatte, in Moria geweckt worden war, ist seine Reaktion, sein Willkommen Gimli gegenüber zurückzuziehen. Und seht, er hat es geschafft, innerhalb von fünf Minuten zwei Mitglieder der Gemeinschaft zu beleidigen. Natürlich verliert er beim Leser weitere Punkte und Galadriel sammelt sie ein, indem sie höflich ist und den Zwischenfall ausgleicht. Aber noch einmal, wenn wir von unserer parteiischen Verteidigung der Gemeinschaft absehen, können wir erkennen, dass Celeborns Reaktion eigentlich sehr gerechtfertigt ist. Es ist letztendlich Gimlis Familie gewesen, die nach Moria zurückgegangen war und den Balrog geweckt hat. Gimlis Familie hat genau das getan, was dem Starten einer Zeituhr an einer Atombombe direkt neben Lórien entspricht. Celeborn, dessen unmittelbare Sorge dem Volk seines eigenen Reiches gilt und der weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bevor Lórien von Saurons Stützpunkten Dol Guldur und Moria aus angegriffen wird, ist natürlich ein bisschen ärgerlich zu hören, dass die Zwerge Sauron soeben die ultimative Waffe übergeben haben. Es kann nicht verleugnet werden, dass er ebenso überwältigende persönliche Gründe hat, Zwergen nicht zu glauben oder zu trauen – obwohl diese Gründe für jemanden, der das Silmarillion nicht gelesen hat, nicht offensichtlich sind. Wer es gelesen hat, wird wissen, dass Celeborn ursprünglich aus Doriath ist – einem Reich, in dem Elben und Zwerge für Tausende von Jahren Seite an Seite gearbeitet haben. Bis eines Tages die Zwerge sich plötzlich und (für die Elben) unerklärlich gegen sie wandten, den König Elu Thingol ermordeten, das Volk von Doriath abschlachteten und das Land in einem Maße schwächten, dass es sich niemals wirklich erholte. Und ich möchte nicht der ganzen Frage nach dem ersten Mal nachgehen, als die Zwerge den Balrog aufgestört hatten. Ein Geschehen, das Amroth, König von Lórien – sehr wahrscheinlich Celeborns und Galadriels Sohn – indirekt in den Tod in Belfalas getrieben hat. Es reicht zu sagen, dass da eine lange Geschichte von Schmerz, Betrug und Verlust hinter Celeborns Schnappen gegenüber Gimli steht. Eine Geschichte, die doch sehr deutlich macht, dass sein Willkommen dem Zwerg gegenüber (wie schwierig er auch immer es findet), eigentlich ein Akt von überraschender Großmut ist. Noch dazu kommt der zusätzliche Stress, dass der Ring der Macht nun in seinem Reich ist, innerhalb der Reichweite seiner notorisch machthungrigen Frau und die Tatsache, dass er morgen als Ehemann der neuen Dunklen Königin der Welt aufwachen könnte – und ihr werdet verstehen, dass Celeborn nicht gerade einen schrecklich guten Tag hat. Als Reaktion auf die Neuigkeiten über den Tod eines alten Freundes, das Wiedererscheinen eines Elben-schlachtenden Monsters innerhalb eines Tagesmarsches von Lórien und die Ankunft von etwas, das möglicherweise die unsterbliche Seele seiner Frau verdammen könnte, verliert Celeborn kurz die Beherrschung und sagt ein paar Dinge, die nicht sehr freundlich sind. Und das war der Moment, als ich anfing, ihn zu mögen. Selbst wenn es keine Rechtfertigung für das, was er sagte, gegeben hätte (und wir haben gesehen, dass das nicht der Fall ist), gibt es dort ein Element in seiner Reaktion auf die Neuigkeiten von Gandalfs Tod, das von der hilflosen und verletzten Wut spricht, die mit schmerzlichem Verlust einhergeht. Er war stark und persönlich betroffen und, wie er selbst sagt, ‚ich sprach in der Verwirrung meines Herzens’. Die Tatsache, dass er eine so reale emotionale Reaktion auf diesen plötzlichen Niederschlag schlechter Nachrichten haben konnte, sagt mir, dass er nicht so entfernt von der Welt ist wie Elrond und Galadriel. Er ‚schwindet’ nicht, mit seinen Gedanken mehr in Valinor als in Mittelerde. Er ist nicht so hoch und mächtig, dass er darüber steht, sich wirklich um die Dinge zu sorgen. Celeborns Aufblitzen von Ärger ist – für mich – dem Vorschlag von Gandalf sehr ähnlich, Pippin möge sich selbst den Brunnen hinabstürzen. Und wie Gandalfs gelegentliche Ausbrüche schlechter Laune geht es schnell vorbei und bald kehrt er dahin zurück, zu tun, was immer er kann, um zu helfen. Seine Drohung, die Gemeinschaft aus seinem Reich zu werfen und die sanfte Art, wie Galadriel ihn überzeugt, es nicht zu tun, beweisen einen weiteren Punkt. Sie beweisen, dass er keine ‚Trophäe’ oder ein ‚Prinzgemahl’, sondern tatsächlich in jeder Hinsicht genauso verantwortlich ist wie sie– wahrscheinlich sogar mehr. Sie kann ihm nicht befehlen oder seine Entscheidung zurückweisen – sie muss ihn überzeugen. Er hört auf ihren Rat, nicht weil sie sein Souverän ist und er es muss, sondern weil sie seine Frau ist und er sich entschieden hat, es zu tun. Ich denke, viele Leute interpretieren Celeborns Unhöflichkeit der Gemeinschaft gegenüber als Dummheit, um die beunruhigende Erfahrung zu vermeiden, einem ärgerlichen Elben-Fürsten zu begegnen. Und es ist eine beunruhigende Erfahrung, weil wir (zumindest im Herrn der Ringe) ein solches Verhalten von Elben nicht erwarten. Elben sind nett. Ihr hättet Elrond nicht dabei erwischen können, sich seinen Gästen gegenüber verärgert zu zeigen und Galadriel ist sehr schnell, die Dinge zurück zu dem höflichen Ton zu besänftigen, den wir seit Gildor Inglorion erwarten. Celeborn reagiert nicht wie die Art von Elben, die wir erwarten. Und das – schlage ich vor – ist, weil er nicht die gleiche Art Elb ist, die wir zuvor getroffen haben. Er ist nicht wie Gildor oder Elrond oder Galadriel, die alle Hochelben sind. Er ist ein Sinda und wir vergleichen ihn mit den falschen Leuten. Wie er selbst sagt, liegt seine Verwandtschaft bei Legolas – und Legolas’ Vater, Thranduil. Wenn wir Thranduil betrachten (den ‚Elbenkönig’ aus dem Hobbit) – könnt ihr die Ähnlichkeit sofort erkennen. Als Bilbo und 13 Zwerge sich im Düsterwald verirren, fangen die Elben sie ein und Thranduil wirft sie in die Verliese. Thranduil hat seine Gründe dafür und es sind gute Gründe. Er hört nicht auf, eine gute Person zu sein, weil er den Zwergen mit Misstrauen begegnet. Am Ende, wenn Bilbo entscheiden muss, wen er verteidigt, als er den letzten Widertand leistet, entscheidet er sich, Thranduil zu verteidigen, und Tolkien scheint zu denken, dass dies ein Beweis für Bilbos rechtschaffenes Herz ist. Was sage ich? Ich sage, dass es Elben gibt, die zu wechselhafteren Emotionen neigen, die ‚gefährlicher und weniger weise’ als die Noldor sind, und dass Celeborn einer von ihnen ist. Wie Sam es ausdrückt: ‚…es gibt Elben und Elben. Sie sind alle ziemlich elbisch, aber sie sind nicht alle gleich’. Zu erwarten, dass Celeborn sanft und höflich und leise bedauernd ist, wäre, zu erwarten, dass er sich wie ein Mitglied eines anderen Volkes benimmt. Er ist kein Exilant, der sich danach sehnt, nach Valinor zurückzukehren wie Galadriel und Gildor, oder ein Ringträger, belastet mit der Melancholie der Sehnsucht nach dem Meer wie Elrond. Er ist ein Sinda; heftiger, wechselhafter und mehr emotional verbunden mit Mittelerde; agierend in einer anderen Art von Elbisch-Sein als die anderen Elben-Fürsten in dem Buch. Ob es eine mindere Form des Elbisch-Seins ist, ist, um sie in einem Essay über Celeborn anzusprechen, wahrscheinlich eine zu große Frage. Die unmittelbare Reaktion wäre wahrscheinlich ‚ja’ zu sagen – er ist ein Angehöriger eines niedrigeren Volkes, die Noldor-Hochelben sind den Grau-Elben überlegen, die niemals nach Valinor gegangen waren. Haben sie nicht die Silmaril geschaffen, das Tengwar eingeführt, die alten Städte gebaut und all die alten Kriege geführt? Haben sie nicht die Elbenringe geschaffen? Doch es gibt ein Argument dafür, dass die Sindar in Mittelerde auf lange Sicht hin erfolgreicher waren. Es sind die Sindar, durch welche die Linie der Könige der Menschen in die Welt kommt. Durch sie ist der Silmaril Earendils den Fängen der Feanorim entgangen, um zum Abendstern zu werden. Sie sind schuldlos jener Art von Gräueltaten, zu welchen die Noldor zu neigen scheinen. Sie haben nicht ihre eigene Sippe in einem Sippenmord erschlagen, noch haben sie gegen die Valar rebelliert oder sind dafür verflucht worden. Und was die letzten vier Elben-Königreiche, die im Dritten Zeitalter noch überleben, betrifft, so ist nicht eines ohne einen Herrscher mit (wenigstens ein bisschen) Sindar-Blut. Betrachtet man den Fluch Mandos’, der über Galadriel liegt – dass alles, was sie beginnt, im Ruin enden wird – dann gibt es tatsächlich eine klar erkennbare Möglichkeit, dass es nur Celeborns mildernde Gegenwart ist, die Lórien so lange existieren ließ. Hierin – und in vielen anderen Dingen – gleichen Celeborn und Galadriel ihren ruhmreichen Vorgängern Elu Thingol und Melian. Elu Thingol – Celeborns Großonkel – wird beschrieben als der größte König Mittelerdes. Herrscher des Sindar-Reiches von Doriath. Er ist großartig, weise und mächtig, doch seine Frau Melian ist noch mehr. Sie ist eine Maia Valinors – eine Halb-Gottheit –, die ihr beider Königreich mit ihrer Magie schützt. Sie besitzt Voraussicht und Vorauswissen, ist mächtiger in dem spirituellen Reich als er es ist, und sie gibt ihm stets Rat, den zu befolgen er zu störrisch ist. Andererseits ist er derjenige, der die Liebe seiner Gefolgsleute hervorzurufen scheint. Er ist derjenige mit der Verbindung zurück zum Volk. Es gäbe keine Sindar, wenn sein Volk nicht seine Reise in den Westen aufgegeben hätte, um nach ihm zu suchen, als er verschwand. Die Parallele ist offensichtlich – Galadriel ist die Göttinnen-Gleiche, die das Reich mit Magie schützt. Was weniger gut bekannt ist, dass sie am Ende des Ersten Zeitalters hauptsächlich aus Liebe zu Celeborn in Mittelerde blieb, der nicht gehen wollte. Wenn er nicht gewesen wäre, ist es möglich, dass es kein Lórien gegeben hätte. Celeborn mit den anderen Fürsten seines eigenen Volkes zu vergleichen als mit den Welt-müden Noldor zeigt ihn sicher in einem vorteilhafteren Licht. Thranduil, konfrontiert mit einer Schar Zwerge in offensichtlicher Not, steckt sie direkt in die Verliese, da er meint, sie sähen ein wenig verdächtig aus. Stellt dies dem Verhalten Celeborns zu Gimli gegenüber und (obwohl das gleiche Thema offensichtlich ist) Celeborn kommt dabei bemerkenswert beherrscht und gemäßigt davon. Elu Thingol, als er Beren gegenübersteht, ersinnt einen schlauen Plan, um den lästigen Mann sterben zu lassen, ignoriert die Ahnungen seiner Frau über diesen Plan und verflucht damit sich selbst und sein Reich. Celeborn dagegen scheint weise genug, um zu realisieren, dass, wenn du eine hellsichtige, vorauswissende Frau hast, ist es eine gute Idee, manchmal ihren Rat anzunehmen. Da wir von Ratschlägen reden, sollten wir gerechterweise überlegen, wie viel Ratschläge den anderen Weg gingen. Letzten Endes war es so, dass, als Galadriel von Celeborn getrennt war (er verteidigte Ost-in-Edhil in Eregion, sie besuchte Lórien) und er nicht da war, ihr zu raten, sie die Elbenringe von Celebrimbor annahm. Sie behielt einen für sich und sandte die anderen zu Gil-galad. Tolkien sagt: „Sie fanden nicht die Kraft, die Ringe zu zerstören“ – und impliziert damit geradezu, dass sie es hätten tun sollen. Wer weiß, welche Wirkung die Zerstörung der Drei gehabt hätte. Vielleicht wäre der Eine verringert worden, da ein großer Teil seines Zweckes war, die Drei an seinen Willen zu binden. Der Besitz des Ringes veränderte Galadriel zum Schlechten hin, er verstärkte ihre Sehnsucht nach dem Meer und nahm ihr die Freude an Mittelerde, und zweifellos hatten die anderen beiden Ringe dieselbe Wirkung auf die anderen beiden Träger. Die Entscheidung, ihn zu nehmen, wiederholt sehr stark das Thema ihrer Abreise aus Valinor gegen den Willen der Valar, um Macht für sich selbst zu suchen. Kein Wunder, dass Celeborn, der ihre Geschichte kannte – so belastet davon war, den Einen Ring nach Lórien hineinzulassen, wo Galadriel ihre Hände danach ausstrecken konnte. Nach diesem langen Umweg in elbische Völkerkunde und Geschichte könnte es eine gute Idee sein, das Ganze zurück in Lothlórien zu beenden. Können wir von einem entfernteren Standpunkt aus und weniger benebelt von ihrer schieren Höflichkeit wirklich sagen, dass Galadriel weiser ist als Celeborn? Was kommt Gutes dabei heraus, als sie in den Gedanken der Gefährten spioniert? Sagt Sam nicht selbst, dass Boromir aufgrund ihrer Prüfung ‚das erste Mal klar erkannte, was er wollte… er wollte den Ring des Feindes’? Was kommt Gutes bei den Visionen heraus, die Sam und Frodo in dem Spiegel sehen, außer dass es Sam fast das Herz bricht? Und wer ist am nächsten daran, den Ring zu nehmen und in die Dunkelheit zu fallen? Es ist nicht Celeborn. Wenn er nicht in den Köpfen der Gefährten liest, wie es Galadriel tut, so scheint er jedenfalls Aragorns Herz zu lesen und findet einen praktischen Weg, Aragorns Dilemma zu lindern. Tatsächlich erscheint Aragorn völlig aus dem Häuschen über das Geschenk der Boote – er dankt Celeborn viele Male und ist beruhigt dadurch. Man könnte fast sagen, dass Celeborn, obwohl er nicht in die Zukunft blickt, die Gegenwart doch deutlich genug erkennt und schnell dabei ist, auf Schwierigkeiten einzugehen, denen andere Leute ihre Gedanken noch nicht zugewandt haben. Als die Zeit für die Gemeinschaft kommt, abzureisen, bietet Celeborn jedem an, der unentschlossen ist, in Lórien zu bleiben. Ein Angebot einer Zuflucht und gleichzeitig einer Gelegenheit, eine ehrenvolle Aufgabe (Hilfe für Lóriens Verteidigung) zu übernehmen, die für jeden Zögerer leichter zu bewerkstelligen sein könnte. Die Geste gleicht deutlich dem Angebot Aragorns an seine Truppen, die Zaghaften mögen lieber in Ithilien bleiben, als mit ihm nach Mordor kommen. Es ist ein Angebot, das den Entschluss jener, die weitergehen, stärken soll, während es allen anderen erlaubt, ihre Ehre zu bewahren. Eine feine Verbindung von militärischer Taktik und Mitgefühl, die bei mir für beide Charaktere Punkte gewonnen hat. Als eine Frau muss ich sagen, dass Celeborn bei mir reichlich Punkte gewonnen hat, als er Boromir dafür tadelt, gedankenlos den Ausdruck ‚Ammenmärchen’ zu gebrauchen. Nicht viele Leute sind dazu bereit, für die Weisheit alter Frauen einzutreten und in einem Fandom, das Tolkien nur zu eifrig als Sexisten brandmarken möchte, ist Celeborn ein leuchtendes Licht. Wenn es je einen Mann gab, der keine Angst vor mächtigen Frauen hatte, oder einen Ehemann, der bereit ist, die Glorie mit seiner Frau zu teilen, ohne daran zu denken, dass dies in irgendeiner Weise seiner Männlichkeit schaden könnte, dann ist es Celeborn. Galadriel ist höflich; eine Person des gesellschaftlichen Lebens, von großer Gesetztheit, offensichtlicher Magie und der bittersüßen Aura einer sich zurückziehenden Göttin. Celeborn ist bitter. Seine Worte sind harsch, aber seine Handlungen sind konsequent freundlich. Wie Thranduil ist er noch immer stark in der Welt engagiert – zu beachten ist die Tatsache, dass es diese beiden sind, die die einzigen, im Ring-Krieg kämpfenden Elben-Armeen führen. Wenn er gelegentlich ärgerlich und taktlos ist, dann hindert es ihn nicht daran, weise und großartig zu sein. Es macht ihn – in meinen Augen – nur zu einem noch interessanteren Charakter. Und was für ein faszinierendes Leben muss er geführt haben. Inmitten des Geschehens für siebentausend Jahre oder mehr, der Sinda-Prinz eines Sindar-Volkes, sich bewegend in der Welt seiner Frau voller Noldor-Politik. Waren sie eine Brücke zwischen ihren beiden Kulturen? Oder sahen ihre Verwandten auf ihn als einen ‚Dunkel-Elben’ herab und mieden ihn seine eigenen Verwandten für den Verrat an die Noldor-Eindringlinge? Wenn das so wäre, dann hat er sich um ihretwillen damit abgefunden. Sie blieb seinetwegen in Mittelerde, bis schließlich das Schwinden von Nenya sie zwang, ihn nach siebentausend gemeinsamen Jahren zu verlassen. Was für eine tragische Liebesgeschichte muss hinter ihren Abschied am Ende des Herrn der Ringe liegen. Und was erwies sich am Ende als stärker – seine Liebe für sein Land oder seine Liebe für sie? Tolkien sagt es nicht. „… Es gibt keinen Bericht über den Tag, als er schließlich die Grauen Anfurten aufsuchte.“ Vielleicht blieb er, als Mittelerde sich langsam zur modernen Erde wandelte. Vielleicht ist er noch immer hier – lebt noch immer in dem Verborgenen Tal von Bruchtal und wartet nur darauf, von dem nächsten Entdecker gefunden zu werden… oder dem nächsten Fanfiction-Autor. Sagt mir, dass das kein interessanter Charakter ist! Sagt mir, dass es keine neuen Geschichten gibt, die über Celeborn, Prinz von Doriath, erzählt werden können und ich, oh… oh, ich werde sie eben selbst schreiben müssen!
Vielen Dank an Rheda für ihre großartigen Kommentare, von denen ich viele freimütig geplündert habe (das heißt nicht, dass sie mit allem, was ich geschrieben habe, einverstanden ist. Überhaupt nicht.)
Anmerkungen: 1. Der Titel stammt von einem Ausspruch Celeborns zu Haldir in Implacidas Geschichte „Heart and Body“: „Versuche eine Zeitlang Herr von Lórien zu sein. Und höre alle sagen ‚Wer ist der lange Bursche da neben der Herrin Galadriel?’“ Implacidas Seite ist hier: http://www.geocities.com/implacida/impweb2.htm 2. Für die ganze Geschichte, warum die Zwerge Elu Thingol ermordeten und Doriath plünderten, siehe Das Silmarillion. 3. Die Überlegung, das Amroth Celeborns und Galadriels Sohn war, stammt aus der ‚ Geschichte von Galadriel und Celeborn’ in den Unvollendeten Geschichten. 4. ‚Gefährlicher und weniger weise’ ist aus dem Hobbit-Kapitel 8: ‚Sie unterschieden sich von den Hochelben aus dem Westen und waren gefährlicher und weniger weise… Dennoch waren und bleiben sie Elben, und das heißt Gute Leute.’ 5. Vielen Dank an Michael Kellner von Henneth Annun, der derjenige war, darauf hinzuweisen, dass Galadriel Nenya zu einem Zeitpunkt akzeptierte, als sie Celeborns Rat beraubt war und dass dies wohl eine verpasste Gelegenheit war, den Einen Ring zu schwächen.
6. Es
ist mir bewusst, dass Tolkien in seinen späteren Schriften seine Meinung über
Celeborns Herkunft aus Doriath änderte und ihn zu einem Teleri Prinz der
Hochelben aus Aman (mit einem sehr peinlichen Hochelben-Namen) machte und dass
er und Galadriel mit dem Segen der Valar zusammen nach Mittelerde kamen. Dies
widerspricht allerdings allem, das im Herrn der Ringe und im
Silmarillion geschrieben steht. 7. Für ein viel besser geschriebenes Essay und eine weniger Fan-lastige Verteidigung von Celeborn müsst ihr ‚Celeborn unplugged’ von Michael Martinez lesen, das ihr hier finden könnt: http://www.suite101.com/article.cfm/tolkien/96308
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