„Mary Sue“ – zu Recht als Geißel der Fanfiction betrachtet?

 
 

Ein Essay von Stephanie Dorer

 
 

Anmerkung d. Verf.: Ich habe sehr viele Texte und Quellen und Websites hierfür zusammengetragen und viele sind sehr ausführlich in ihren Auflistungen und Argumenten. Ihre Inhalte gebe ich lediglich zusammenfassend wieder und wenn ich mich auf einzelne beziehe, habe ich es entsprechend vermerkt. Alle weiteren Ansichten und Schlussfolgerungen sind meine eigenen.

Meine Geschichte, auf die ich verweise, findet sich unter dem Titel „Emairth – Schicksale“ hier auf Elenarda in abgeschlossener Form, wird aber derzeit auf www.herren-des-westens.de kapitelweise in völlig überarbeiteter Form veröffentlicht.

Das Essay widme ich Heru – aus aktuellem Anlass… und weil sie am Ende weiß, warum!

Zur Einstimmung

Als ich vor etwa zwei Jahren das erste Mal eine eigene Geschichte zu Tolkiens Mythologie niederschrieb, hatte ich keine Ahnung, was sich hinter dem Begriff „Fanfiction“ alles verbarg. Ich wusste nichts von den vielen verschiedenen Termini zu diesem Thema und ich scherte mich nicht um sogenannte ‚Ratings’, die eine Geschichte zensorisch ihrem Gehalt nach für das passende Lesealter einsortieren in ‚harmlos’, ‚enthält Sex- und/oder Gewaltdarstellungen’ und anderes. Und ich hatte auch nie zuvor von dem Begriff ‚Mary Sue’ gehört, bis mir vorgeworfen wurde, eine geschrieben zu haben.

Meine Geschichte hatte eine ganze Weile in mir gebrütet, neue und alte Charaktere waren zum Leben erwacht, Handlungen und Dialoge hatten sich ergeben und sie wuchs in mir ungefragt und ungeplant, bis ich endlich keine Wahl mehr hatte – ich musste sie aufschreiben, um diesem Kreativitätsdämon in mir gerecht zu werden. Da ich dem Universum Tolkiens gegenüber einen achtungsvollen Respekt empfinde, war es mir wichtig, mit meiner Geschichte nicht etwas zu kreieren, das dieser Welt störend, vermindernd oder verfälschend entgegenwirken könnte. Also betrieb ich ein umfangreiches Quellenstudium bei Tolkien, um den Charakteren, die ich übernommen hatte, nicht nur ihre Eigenheiten und Hintergründe zu belassen, sondern sie – möglichst nachvollziehbar – noch zu vertiefen und ein sinnvolles und überzeugendes Zusammenwirken zwischen meinen eigenen und Tolkiens Charakteren zu erreichen.

Anfangs schrieb ich unter Ausschluss der Öffentlichkeit und zu meinem eigenen Vergnügen als Experiment, ob mir dieses Vorhaben gelingen könnte, später postete ich die Geschichte versuchsweise in einem Forum, etwas nervös und in Erwartung entrüsteter Aufschreie, um dann feststellen zu müssen, dass meine Leser die Geschichte nicht nur begeistert aufnahmen, sondern auch immer mehr Leser dazukamen. Einige haben sich sogar die Mühe etwas ausführlicherer Reviews gemacht und nicht nur manches entdeckt, von dem ich glaubte, niemand würde es bemerken, sondern darüber hinaus Dinge festgestellt, die ich unbewusst hatte einfließen lassen und die mich im Nachhinein selbst erstaunten.

 

Warum ich das alles erwähne? Nun, ich begann mich immer mehr für Fanfiction zu interessieren: Wer schreibt denn da alles? Und was schreiben andere? Warum schreiben sie? Wo überall kann man Fanfiction finden? Gibt es Regeln dazu? Und vor allem: wie werden all diese Geschichten von den Lesern aufgenommen? Eines Tages stolperte ich dann über den Begriff ‚Mary Sue’ und der vagen Information, diese idealisierte Wunschfigur sei die Selbsteinfügung des Autors in seine Geschichte und damit das Übelste, was ein Fanfiction-Autor sich leisten könne. Das machte mich aufgrund verschiedener Auflistungen von ‚Mary Sue’-Merkmalen  natürlich nachdenklich in Bezug auf mein eigenes Werk und da die Reputation der ‚Mary Sue’ denkbar schlecht ist, begann ich im Internet nachzuforschen, was eine ‚Mary Sue’ denn nun wirklich ist, und stieß auf Erstaunliches.

Der Fanfiction-Autor und seine heimlichen Wünsche

Die Fanfiction im Internet wird den Lesern über verschiedene Arten von Archiven angeboten: für Leser wie Autoren völlig offen zugängliche Seiten wie zum Beispiel www.fanfiction.net – eines der größten, vielsprachigen Archive – bieten eine überwältigende Fülle an Geschichten in jeglichen Sprachen zu jeglichem Thema, seien es Bücher, TV-Serien oder Kino-Filme. Die Einschränkungen sind gering, eine einfache Registrierung zum Posten der eigenen Geschichten ist ausreichend, notwendig ist nur ein zutreffendes Rating und eine Angabe des Genres der Geschichte, sowie ihre Einbettung in das entsprechende Thema.

Andere Archive gleichen einer Community, also einer Gemeinschaft von Fans eines bestimmten Fandoms, die nicht nur eine Registrierung voraussetzen, sondern bei denen jede angebotene Geschichte von einer Art Jury vorab gelesen und beurteilt und damit angenommen oder abgelehnt wird.

Auch private Seiten, meist von einer Einzelperson verwaltet, behalten sich das Recht vor, nach individuellen Maßstäben Geschichten zu akzeptieren oder abzulehnen.

Diese Beurteilungen setzen natürlich je nach Website einen mehr oder weniger ausführlich festgelegten Regelkatalog voraus, der sich mittlerweile im gesamten Internet, was die Fanfiction betrifft, mit wenigen Ausnahmen gleich bleibt – einzelne Abweichungen sind dann vor allem Fandom-spezifisch bzw. rein persönlicher Geschmack – und die verschiedensten Begriffe von und über Fanfiction erläutert – so auch ‚Mary Sue’.

 

Die Bezeichnung ‚Mary Sue’ ist nun weder zum Rating, noch zum Genre gehörend, doch der Begriff hat sich auf eine Weise etabliert, die auf eine ganz bestimmte Form einer Geschichte hinweisen und damit nicht selten auch Stil und Inhalt – und die Qualität dieser Geschichte bestimmt.

Selten nur werden Geschichten als ‚Mary Sue’ von ihren Autoren angekündigt, doch es gibt ihrer sehr viele und obwohl sie so häufig sind, erfahren sie in der öffentlichen Diskussion im Allgemeinen eine strikte Ablehnung aufgrund des sehr negativ besetzten Images dieses Phänomens. Und es ist nicht nur Ablehnung, sondern geradezu Häme, Spott und Hohn, gepaart mit einer hin und wieder erstaunlichen Überheblichkeit, die einem Autor einer solchen Geschichte entgegengebracht werden können. Gute und schlechte Geschichten gibt es in jeder Kategorie, aber was ist das Besondere an der ‚Mary Sue’-Geschichte und warum hat sie ein so schlechtes Ansehen? Warum wird sie als „Geißel der Fanfiction“ bezeichnet? Und was genau bedeutet die Bezeichnung ‚Mary Sue’ überhaupt? Im Folgenden möchte ich versuchen, diesem Phänomen etwas mehr auf den Grund zu gehen.

Geburt und Werdegang der ‚Mary Sue’

Ein Phänomen in der gesamten Fanfiction-Literatur ist die Hinzufügung eines neuen originalen Charakters (als „OC“ = „original character“ bezeichnet) in das vom Autor bevorzugte Fandom. Gepaart hiermit geht häufig die Selbsteinfügung („self-insertion“) des Autors einher, das heißt, die Verarbeitung von eigenen Charakterzügen, Erscheinungsmerkmalen und – ganz bedeutsam – sehr persönlichen Wünschen, Sehnsüchten und Vorstellungen. Im Laufe meiner Nachforschungen zu diesem Thema habe ich festgestellt, dass die drei erwähnten Begriffe (‚Mary Sue’, Selbsteinfügung und Originalcharakter) doch einer etwas ausführlicheren Betrachtung bedürfen und nicht, wie leider häufig geschieht, einfach kollektiv zusammengewürfelt und verdammt werden können.

Ein Originalcharakter kann bei sensibler Handhabung durchaus eine Bereicherung für Tolkiens Geschichten sein, er kann aber genauso zu etwas mutieren, das in keiner Weise zu Mittelerde und seinen Bewohnern passt, sondern stört, die eigentliche Geschichte herabwürdigt und die Leser letztendlich abschreckt. Eine solche Mutation eines Originalcharakters ist die ‚Mary Sue’. Doch woher kommt dieser Begriff und was beinhaltet er wirklich?

 

Die amerikanische Autorin Paula Smith veröffentlichte 1974 in dem Fanzine „Menagerie #2“ eine Parodie auf den „Star Trek“-Kult mit dem Titel „A Trekkie’s Tale“. Sie führte einen neuen, nicht-kanonischen, also originalen Charakter ein – den weiblichen Lieutenant Mary Sue, halb Mensch, halb Vulkanierin – die mit ihrem idealisierten, in jeder Hinsicht überragenden Aussehen, Charakter und Fähigkeiten Kirk, Spock und Dr. McCoy auf schillerndste Weise das Leben rettet. Diese Mary Sue avancierte zum Amüsement ihrer Schöpferin bald zu einem Synonym einer stets im Zentrum des Geschehens stehenden, allseits geliebten und die Welt rettenden, brillanten Schönheit.

Die heute typische ‚Mary Sue’ ist in der Regel weiblich, sehr jung (meist deutlich unter zwanzig Jahre, also im Teenager-Alter), wunderschön und nicht selten mit auffallender Augen- und Haarfarbe, verfügt über herausragende Eigenschaften (seien es Kampftechniken, telepatische Fähigkeiten oder ein alles überstrahlendes Wissen gepaart mit unwiderstehlichem Liebreiz), wird von den kanonischen Charakteren kritiklos geschätzt oder gar geliebt und geht nicht selten eine Liebesbeziehung mit einem oder mehreren derselben ein. Sollte sie sterben, zieht das eine verzweifelte Trauer der hinterbliebenen Kanon-Charaktere nach sich. Ihre heroischen Taten sind häufig genug nicht logisch oder nachvollziehbar mit dem Kanon vereinbar, der Geschichte mangelt es an tatsächlicher Handlung, sondern sie konzentriert sich allein auf diese ‚Mary Sue’.

In Bezug auf die Tolkien-Fanfiction zeichnet ‚Mary Sue’ sich dadurch aus, dass sie entweder als Angehörige des 21. Jahrhunderts völlig unerklärlich plötzlich in Mittelerde erscheint oder ebenso plötzlich als Mittelerde-Bewohnerin in Bruchtal, Minas Tirith oder im Auenland auftaucht, sofort die Handlung an sich reißt, jeden kanonischen Charakter tief beeindruckt und am Ende wundersamerweise irgendwie zu einer unsterblichen Elbin mutiert. Nicht selten sind es Schwestern von Aragorn, weitere Kinder von Elrond, Töchter von Gandalf oder Galadriel und sehr, sehr oft Geliebte von Legolas, der nur auf sie allein gewartet hat, die Boromir vor dem Tod bewahrt und mit einem weiteren Zauberring Sauron gefügig macht und die Welt rettet. Diese Beispiele sind nur Auszüge der vielen Ideen, die manche Fanfiction-Autoren bei einem solchen Charakter entwickeln.

Aber ‚Mary Sue’ ist nicht nur weiblich, sondern wir können auch ihr männliches Pendant antreffen: in diesem Fall wird die Figur dann als ‚Marty Stu’, ‚Harry Stu’, ‚Larry Stu’ oder mit zahlreichen weiteren Namen bezeichnet. Ein charismatischer, natürlich gutaussehender Super-Held mit dunkler, meist ihm selbst nicht bekannter Vergangenheit oder schwerem Schicksal und oft nicht nachvollziehbaren Schuldgefühlen erfährt seine Läuterung in Mittelerde, gern auch durch die (blinde) Liebe einer opferbereiten Elbenmaid. Überhaupt ist Liebe in ihrer übertriebendsten Form – und dann nur zu gern gepaart mit deftigem, nie ermüdendem Sex – das Element, was alles zusammenhält.

 

Manche Websites haben sich darauf spezialisiert, anhand von Litmus-Tests[1] ‚Mary Sues’ aufzudecken und zu klassifizieren[2]. ‚Mary Sues’ sind perfekt in jeder Hinsicht und aufgrund ihrer in langen Absätzen beschriebenen körperlichen Vorzüge, ihrer unglaublichen Tugend und vor allem ihres Namens und Alters leicht erkennbar: nicht wenige Autoren gebrauchen sehr klangvolle, aber für die Tolkien’sche Welt völlig untypische Namen, ohne sich die Mühe zu machen, einen Namen gemäß der sprachlichen Vorgaben Tolkiens zu generieren. Diese Litmus-Tests hinterfragen im Weiteren die Herkunft der ‚Mary Sue’, die Handlung der Geschichte, die Beachtung des Kanon und vor allem die Reflexion des Autors über seine eigene Geschichte – was will er oder sie damit sagen? Und: fügt sich diese Geschichte natürlich, verständlich und logisch in das Tolkien’sche Universum ein? Oder macht sie den Eindruck einer „Selbstbefriedigung“ des Autors, die für andere Leser kaum von größerem Interesse sein kann?

Das andere „Ich“ des Autors

Sehr häufig ist in Geschichten mit Originalcharakteren eine Selbsteinfügung („self-insertion“) des Autors in das bevorzugte Fandom zu finden (und ich habe Bemerkungen auf amerikanischen Websites gefunden, die einen ganz bestimmten Typ Autor hinter einer solchen Figur erkennen wollen: weiblich, zwischen 20 und 40, Single, tätig in einem Bürojob...[3]) Das Übertragen eigener Charakterzüge oder Merkmale auf einen Originalcharakter gilt allgemein als riskant und nicht selten direkten Weg in die ‚Mary Sue’-Falle. Dass ‚Mary Sue’ und Selbsteinfügung aber bei weitem nicht immer dasselbe sind, bzw. in einem Atemzug genannt werden können, will ich im Folgenden erläutern.

 

Die Frage nach der Selbsteinfügung eines Autors in seine Geschichte ist sicher für die Fanfiction von besonderer Bedeutung. Um zu verstehen, warum das so ist, müssen wir uns zunächst einmal fragen, warum schreiben wir denn überhaupt Fanfiction? Ich habe in den Weiten des Netzes viele Antworten dazu gefunden, immer wieder hat sich jemand die Mühe gemacht und Fragebögen ausgegeben, um die Motivation der Schreiber (und Leser) zu erfahren.[4] In Bezug auf die Welt Tolkiens liegt der Hauptgrund für das Schreiben von solcher Fanfiction zusammengefasst wohl darin, dass wir dem Schriftsteller Tolkien und seiner einzigartigen Welt Mittelerde mit ihren Charakteren und Geschichten nicht nur sehr viel Sympathie entgegenbringen, sondern uns zu großen Teilen mit ihr identifizieren können, uns darin wiederfinden und teilhaben möchten an Handlung, Leben und Wirken der Charaktere und ihrer Welt, in der das Leben in klareren und übersichtlicheren Bahnen zu verlaufen scheint. Und die oftmals stereotype Zeichnung der Charakter lässt dem Fanfiction-Autor viel Raum, sich weitere Gedanken dazu zu machen, seine Phantasie spielen zu lassen, Lücken, die Tolkien gelassen hat, zu füllen und sich nicht zuletzt damit in einer ebenso empfindenden Gemeinschaft bestätigt zu sehen.

Einen großen zusätzlichen Impuls hat die Fanfiction-Szene durch die Peter-Jackson-Verfilmung erhalten, die uns unser Mittelerde mit überwältigenden Bildern und (seien wir ehrlich!) fast ausnahmslos attraktiven Schauspielern bis in unsere Schlafzimmer geholt hat.

Für viele von uns ist es eine befreiende und angenehme und vor allem auch fordernde, kreative Beschäftigung, sich selbst gedanklich nach Mittelerde zu versetzen und sich mit dieser Welt und ihren Eigenheiten auseinanderzusetzen, sei es, um Teil zu haben an einer Geschichte, die uns so sehr in den Bann gezogen hat oder um das Werk in viele Richtungen noch weiter abzurunden. Und angesichts dieser Hintergründe scheint die Selbsteinfügung eines Autors entweder im Rahmen eines kanonischen Charakters mit persönlichen Zügen oder als eigener originaler Charakter nur eine völlig logische Konsequenz zu sein. Dieses Heranziehen vertrauter Charaktereigenschaften für die Schaffung eines neuen Charakters ist aber nicht nur ein Hilfsmittel in der Fanfiction-Szene, sondern viele professionelle Autoren bedienen sich dieses Tricks in gleichem Maße. Es ist also eine Frage nach der Qualität der Charakterisierung der Figuren, ob und inwiefern ein Autor in die ‚Mary Sue’-Falle tappt.

Das Damokles-Schwert der Charakterisierung

Ein jeder Autor, sei er Profi oder Amateur, muss sich in der Geschichte, die er zu schreiben beabsichtigt, mit der Charakterisierung seiner Figuren auseinandersetzen. Der Gehalt und die Qualität einer jeden Geschichte stehen und fallen mit ihrer Handlung, die wiederum durch unterschiedliche Charaktere geprägt und vorangetrieben wird. Ohne eine sorgfältige Charakterisierung[5] und somit einem (oder mehreren) realistischen Charakter, dessen Aktionen in der Geschichte und dessen Interaktionen mit den anderen Charakteren nachvollziehbar sind, wird die Geschichte schnell uninteressant, da sie unglaubwürdig und nicht überzeugend erscheint. Ein Vorteil in der Fanfiction ist es, dass die meist noch ungeübten Autoren bereits Charaktere vorfinden, deren Eigenschaften zumindest in groben Zügen feststehen. Aber hier verbirgt sich auch gleich das größte Problem, nämlich die durch eigene Wunschvorstellungen überdeckte Abweichung vom Kanon und damit eine meist unglaubwürdige Veränderung von Tolkiens Vorgaben. Die Ausarbeitung oder Weiterführung kanonischer Charaktere kann also durchaus eine sinnvolle Übung sein, solange sie mit den gewählten Vorgaben sorgfältig und verantwortungsbewusst umgeht.

Das Erschaffen einer neuen, originalen Figur innerhalb von Tolkiens Welt mit einer entsprechend überzeugenden Charakterisierung ist nicht einfach und erfordert ein gewisses Maß an Können, an Ideen und Überlegungen, was einen realistischen Charakter ausmacht[6]. Und nichts bietet sich da mehr an, als eben auf reale Elemente bei sich selbst oder auch Bekannten zurückzugreifen. Wie bereits oben erwähnt sind Fanfiction-Autoren bei weitem nicht die einzigen, die sich dieser Methode bedienen.[7] Die Unterschiede zu Amateur-Schriftstellern liegen letztendlich aber in der Kunst der Versierteren oder der Profis, diese Elemente der Selbsteinfügung geschickt zu maskieren und von einer zu starken Idealisierung dieses neuen Charakters abzusehen.

Ein neuer Originalcharakter mit persönlichen Eigenschaften des Autors muss also nicht zwangsläufig zur ‚Mary Sue’ werden, solange die typischen ‚Mary Sue’-Fallen gemieden werden[8]. Und immer wieder ausschlaggebend ist genaue Kenntnis und auch Verständnis der Quellen, in unserem Fall Tolkiens Werk und dazu unbedingt einige Überlegungen, den Originalcharakter betreffend: Es beginnt natürlich bei Name und Alter des Originalcharakters – je nach Volkszugehörigkeit sollte der Name entsprechend sein[9] und was das Alter betrifft, fand ich ein sehr treffendes Argument bei Architeuthis (siehe Fußnote 6), die den möglichen Anschluss einer 15-Jährigen an die Neun Gefährten überzeugend ausschloss. Eine logische, auch für die kanonischen Charaktere nachvollziehbare Herkunft des Originalcharakters bzw. die Erklärung selbiger trägt zur Glaubwürdigkeit einer Geschichte ebenso bei wie die Überlegungen, dass unter Umständen einander fremde Kulturen mit all ihren kleinen, aber bedeutsamen Eigenheiten aufeinander treffen, seien es die verschiedensten Bräuche und Sitten einer jeweiligen Gesellschaft, Fertigkeiten eines einzelnen wie zum Beispiel Waffenkunde oder Handarbeiten oder natürlich das Essen.

Ich möchte hier nicht jede Kleinigkeit aufzählen, um nicht zu langweilen, aber wer selbst schon einmal womöglich für längere Zeit im Ausland war und sich dort den Gegebenheiten anpassen musste, wird verstehen, warum ein blutjunger, kaum lebenserfahrener Teenager wohl weder die grenzenlose Bewunderung und kritiklose Akzeptanz eines jahrtausendealten Elben erhalten, noch in kürzester Zeit Fähigkeiten wie den Umgang mit Waffen entwickeln kann, für welche nicht nur kanonische Charaktere jahrelanges Training brauchen.

Zu guter Letzt

Um es dann mal zusammenzufassen: jeder Autor möchte gern gelesen und geliebt werden. Und es ist sicher auch nur natürlich, dass jeder Autor mit „seinem“ Charakter, sei er nun kanonisch oder original, enger verbunden ist, als mancher Leser nachvollziehen kann. Nur die eigenen Wunschvorstellungen um diesen Charakter herum müssen in einem Rahmen bleiben, der dem Leser das „Mit-Erleben“ von außen ermöglicht und die Achtung des geliebten Werkes gewährleistet. Nicht die Selbsteinfügung des Autors (wenn sie denn überhaupt als solche erkennbar ist, da wohl nur wenige Leser ihre Autoren so persönlich kennen) disqualifiziert eine Geschichte mit oder ohne Originalcharakter, sondern ihre idealisierende Perversion.

Und was ist nun mit ‚Mary Sue’?

Nun, nach all dem, was ich gelesen und nach Kräften hier übersichtlich zusammengefasst habe, ergibt sich für mich eine notwendige deutliche Unterscheidung zwischen einem Originalcharakter per se und einer ‚Mary Sue’ als seiner Abart – ersterer als mögliche gewinnbringende Bereicherung der Welt Tolkiens, zweitere als Teil einer unglaubwürdigen und wenig sensibel gestalteten Geschichte.

Aber Ausnahmen bestätigen die Regel: nämlich in der Parodie, wo Überzeichnung und Übertreibung Mittel zum Zweck der Erheiterung sind, aber nicht den Anspruch erheben, in Tolkiens mittelirdenem Sinne zu sein.

Die eigentliche ‚Mary Sue’-Geschichte, wie sie so vehement und gründlich abgelehnt wird, findet auch meine Zustimmung nicht. Sie von vornherein in einem so großen Fanfiction-Archiv wie fanfiction.net, wo die Autoren selbstverantwortlich veröffentlichen, zu erkennen, ist allerdings nicht leicht, da einerseits nicht alle Autoren ihre Geschichte ehrlich als ‚Mary Sue’ bezeichnen, andererseits viele Geschichten mit Originalcharakteren allzu schnell den ‚Mary Sue’-Stempel erhalten. Und häufig genug zu Unrecht.

Um auf den Titel dieses Essays noch einmal zurückzukommen, ob ‚Mary Sue’ zu Recht als die Geißel der Fanfiction betrachtet werden kann, sollten wir uns vielleicht über eins klar werden: die gesamte Literatur in jeder ihrer mannigfaltigen Formen weist ein breites Spektrum an formalen und inhaltlichen und anhand einer langen Literaturtradition sich herausgebildeteten qualitativen Unterschieden auf. Ob ein Werk bei den Lesern gut ankommt und gern gelesen wird, bleibt aber in allererster Linie eine Frage des persönlichen Geschmacks (ohne jetzt in eine Diskussion über literarische Qualität abzugleiten). Wir erinnern uns: es gibt durchaus zahlreiche Leute, die den „Herrn der Ringe“ komplett ablehnen, Fantasy-Literatur sowieso und Fanfiction erst recht…

In der Fanfiction-Szene wird ein Leserkreis aber nicht selten auch durch persönliche Bekanntschaften oder Sympathien bestimmt, was sich gut an vielen Reviews zum Beispiel auf fanfiction.net ablesen lässt.

Die ‚Mary Sue’-Geschichte als eine Geißel der Fanfiction zu bezeichnen, klingt meines Erachtens doch etwas nach einer individuellen Überheblichkeit, die sich selbst eine gewisse Qualität zuspricht – was einerseits nachzuweisen wäre, andererseits in vielen Fällen gerechtfertigt ist. Dennoch bestimmt auch in der Fanfiction-Literatur die Nachfrage das Angebot und umgekehrt, gepaart mit dem persönlichen Wunsch dieser Autoren, teilzuhaben an ihrem bevorzugten Werk oder Film – ein Gefühl, das jeder irgendwann einmal in sich gespürt hat, denn es ist ein zutiefst menschliches Gefühl.

Bei vielen Autoren, deren Erstlingswerke als fürchterliche ‚Mary Sues’ verteufelt wurden, hat sich schließlich der Ehrgeiz gemeldet, noch tiefer in Mittelerde einzutauchen und weitere Geschichten zu schreiben, die den gängigen Fanfiction-Regeln eher entsprechen und eine zunehmende Qualität aufweisen können.

Ich wage zu behaupten, dass der ursprüngliche, ganz persönliche Wunsch, „seinem“ Charakter nahe zu sein und sich selbst möglichst vorteilhaft an seine Seite zu schreiben, durchaus ein sinnvoller Ausgangspunkt dafür sein kann, diesen Charakter dann auch literarisch eingehender zu untersuchen und im Sinne der Absicht Tolkiens verstehen zu können - und damit nicht in die gefürchtete 'Mary Sue'-Falle zu tappen.

 

Für all das hilft aber nur eins: ein bisschen Nachsicht üben und tolerant sein, lesen, sich Gedanken machen und dem Autor ein Feedback geben - fair und freundlich. Was ich natürlich auch jederzeit für das vorliegende Essay gern entgegennehme an elen_arda@web.de.

 

Copyright Stephanie Dorer, im Januar 2005

 

 

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[1] Siehe zum Beispiel http://missy.reimer.com/library/marysue.html oder speziell für das Tolkien-Fandom http://www.subreality.com/marysue/gsblolfc.htm 

[2] Besonders gründlich hat sich damit die Website von Laura Michelle Hale befasst (writersu.net), die zwar leider nicht mehr zu erreichen ist, deren Texte mir aber vorliegen. Hale nimmt eine Einteilung in 17 verschiedene ‚Mary Sue’-Typen vor, je nach Eigenschaft und Herkunft des Charakters und verwendet sich ausdrücklich gegen die Verwendung eines ‚Mary Sue’-Charakters.

TA Maxwell’s „Mary Sue Manual“ auf http://www.fictionpress.com/read.php?storyid=1440163 nimmt ebenfalls eine genauere Einteilung und Beschreibung verschiedener ‚Mary Sue’-Typen vor.

Sehr gründlich und ausführlich äußert sich auch Anksattva auf http://www.timelady.net/unbroken/full.html zum Thema ‚Mary Sue’.

[3] Siehe dazu auf http://thehumorwriter.com/My_Serious_Side/Fan_Fiction/fan_fiction.html Carole Moore, „Hello Mary Sue“.

[4] Eines der anschaulichsten Beispiele dafür ist wohl „Does Gender matter? Women, Tolkien and the Online Fanfiction Community” von Thevina, hier zu finden: http://www.trickster.org/symposium/symp144.html

[5] Siehe zu Charakterisierungen in der Fanfiction „All Things Characterisation“ von Ashava, zu finden hier: http://www.fanfiction.net/column.php?columnid=46

[6] Eine gute Übersicht dazu ist bei Architeuthis, „On the Art of Creating Original Characters in Fanfic“ nachzulesen (http://oddlots.digitalspace.net/guests/originalcharas.html), eine etwas heftigere Abrechnung mit dem Thema Originalcharakter und ‚Mary Sue’ hat Philosopher at Large in „Why and how not to write a Middle-Earth Romance“ geschrieben (http://oddlots.digitalspace.net/rawaths/romance.html).

[7] Auf http://www.boards2go.com/boards/board.cgi?&user=Avatalk habe ich tatsächlich Diskussionen darüber gefunden, dass Luke Skywalker als das Alter Ego von George Lucas stehen könne, Miss Marple die ‚Mary Sue’ von Agatha Christie war  und selbst Ayla ‚Mary Sue’-ische Züge ihrer Erfinderin Jean M. Auel trägt.

[8] Siehe dazu auch „Self-insertion and Mary Sue-ism“ von Ranma, zu finden auf: http://enterprise.mathematik.uni-essen.de/~bastian/Ranma/MarySue.html

[9] dazu ein netter Artikel „Feminine Naming Conventions in Middle-Earth“ auf http://oddlots.digitalspace.net/rawaths/names.html.

 

 

 

 

 

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